Diakon trifft ... - Charlie Hansen (BeSD)

 

In der Gesprächsreihe "Diakon trifft ..." führt unser Kölner Diakon Carsten Kempen regelmäßig Gespräche mit Menschen, die in caritativen und sozialen Bereichen tätig sind.

 


Im Mai 2018 führte er sein erstes ausführliches Interview mit Charlie Hansen vom Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V. Der Verein engagiert sich für gesellschaftliche Anerkennung und Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Sexarbeit.

 

1. Seit wann besteht die Vereinigung, für die Sie arbeiten? Wer waren ihre Gründer?
Der BesD wurde 2013 von Sexarbeitenden gegründet; damals war absehbar, dass es ein neues Gesetz für uns geben würde und da klar war, dass damit diverse Grundrechtsverletzungen einhergehen würden, haben sich 25 Sexarbeitende aus den unterschiedlichsten Bereichen zusammengetan und den Berufsverband gegründet. Es wurde höchste Zeit für einen Zusammenschluss, um gemeinsam für unsere Rechte einzustehen. Deshalb besteht der BesD auch nur aus aktiven und ehemaligen Sexarbeitenden. Da wir den Großteil der Verbandsarbeit ehrenamtlich umsetzen, sind wir sehr dankbar über Spenden. Hier haben sie die Möglichkeit direkt an Sexarbeitende zu spenden: https://berufsverband-sexarbeit.de/index.php/kontakt/unterstuetzen/#toggle-id-2

2. Wie fanden Sie Ihren Weg zur BesD
?
Ich hatte schon zwei Jahre lang als Hure gearbeitet, allerdings sehr isoliert, ich kannte praktisch keine Kolleg*innen und dachte: "Ich bin bestimmt die einzige glückliche Hure, die anderen haben es sicher ganz schlecht." Dann sah ich Lena Morgenroth, eine Kollegin im Fernsehen in einer Talkshow und was sie sagte sprach mir aus der Seele. Ich kontaktierte sie und hatte einen kleinen Austausch; danach suchte ich nach anderen Möglichkeiten, Kolleg*innen kennenzulernen und bin auf den Hurenstammtisch in Hamburg gestoßen. Dort musste ich feststellen, dass ich nicht die einzige glückliche Hure bin und Escort nicht besser als Gangbang-Parties ist. Über den Stammtisch habe ich dann auch vom Sexarbeitskongress, der 2016 in Hamburg stattfand gehört und als der BesD eine Sexarbeiterin für einen Vortrag dort gesucht hat, war ich mutig und habe mich auf die Bühne gestellt und von meiner Arbeit erzählt. Das war wirklich ein besonderes Erlebnis - danach war mir klar, dass ich mich politisch für das Thema Sexarbeit engagieren möchte. Zu dem Zeitpunkt suchte der BesD dringend eine Bürokraft; ich war gerade dabei mein Studium abzuschließen und wusste noch nicht, was ich danach machen wollte. So kam eins zum anderen und jetzt bin ich seit anderthalb Jahren die Bürokraft der deutschen Hurenselbstvertretung.

3. Reicht Ihrer Organisation der Umfang des aktuellen Prostituiertenschutzgesetzt aus oder sehen Sie seitens des Gesetzgebers Verbesserungsbedarf?
Wir lehnen das ProstSchG komplett ab. Im Vorfeld haben wir und andere Organisationen wie die Deutsche Aidshilfe, der Deutsche Juristinnenbund, die Fachberatungsstellen für Sexarbeitende und die deutsche STI-Gesellschaft umfangreiche Kritik an dem Gesetzesentwurf geäußert. Es wurde verabschiedet, obwohl es massiv unsere Grundrechte verletzt. Die Registrierung ist ein Datenschutzdesaster und die Bordellkonzessionierungen zerstören im Moment einen Großteil unserer Arbeitsplätze - vor allem die kleinen, von Sexarbeitenden selbst geführten Betriebe haben wegen des Baurechts meist gar keine Chance auf eine Konzession.
Wir wollen, dass endlich Schluss ist mit den ganzen diskriminierenden Sondergesetzen in unserer Branche. Weder das ProstSchG, noch die Sperrgebietsverordnungen, noch die ganzen Sonderparagrafen im Strafrecht helfen uns in irgendeiner Art. Wir wünschen uns eine rechtliche Gleichstellung mit anderen freien Berufen.

4. Hilft der BesD Prostituierten auch beim Ausstieg aus dem Rotlichtmillieu? Wenn ja wie?
Wir konzentrieren uns mehr auf Professionalisierung innerhalb der Sexarbeit. Das trifft die Bedürfnisse der meisten Kolleg*innen am besten. Und wir fordern fundiertere Einstiegsberatung, damit Menschen, die überlegen, ob sie diese Tätigkeit aufnehmen wollen, sich sachlich informieren können - bevor sie eine Entscheidung treffen. Ein Umstieg in andere Branchen würde grundsätzlich erheblich erleichtert werden, wenn der Beruf nicht so hoch stigmatisiert wäre, dass man ihn nicht in den Lebenslauf schreiben kann - schließlich verfügen Sexarbeitende über diverse Qualifikationen, die auch in anderen Berufen von Vorteil sein könnten: Empathie, Körpersprache, die Fähigkeit, Vertrauen aufbauen zu können, Zugewandtheit, hohe Menschenkenntnis etc.



5. Welche Unterstützung wünscht sich der BesD von den Kirchen bzw. erfährt Sie Unterstützung durch die Kirche?
Es gibt einige Fachberatungsstellen mit akzeptierender Haltung gegenüber Sexarbeit von katholischen Trägern. Diese versuchen nicht in erster Linie die Frauen aus der Sexarbeit zu holen, sondern unterstützen die Frauen in der von Ihnen gewünschten Form.
Die Kirchen könnten an der Entstigmatisierung mitwirken. Dazu ist es wichtig - wie in diesem Interview - mit, statt über uns zu reden; auch wenn es nicht immer so einfach ist, uns zu erreichen.

6. In ihrem Buch "Lieb und teuer" setzt sich die Autorin Ilhan Stephanie für eine Abschaffung der Prostituition ein. Denken Sie, dass dieses Vorhaben erfolgreich umgesetzt werden kann?
Nein; in den meisten Ländern ist Sexarbeit teilweise oder komplett illegal und in keinem dieser Länder ist die Sexarbeit abgeschafft. In diesen Ländern findet Sexarbeit meist unter sehr prekären Bedingungen statt. Wenn Prostitution oder der Kauf von sexuellen Dienstleistungen (Freierbestrafung) verboten ist, müssen dich die Sexarbeiter*innen an zwielichtigen, ungeschützten und verborgenen Orten treffen, was die Gefahr für uns erheblich erhöht. Ganz abzusehen von der stigmatisierenden Wirkung solcher Verbote: Sie stellen eine gesetzlich legitimierte Ausgrenzung von Sexarbeitenden dar.

7. Welche Beweggründe hat eine Frau, die sagt: " Ich verdiene mein Geld, in dem ich meinen Körper verkaufe?" Verkauft die betreffende Frau nicht auch ein großes Stück Ihrer Seele?
Zuerst: Wir verkaufen unsere Körper nicht! So etwas zu sagen macht uns zu Objekten, die wir nicht sind. Wir sind Menschen, die eine sexuelle Dienstleistung anbieten, wir veräußern keine Körperteile und sind auch nicht weniger Mensch, weil wir der Sexarbeit nachgehen.
Die Beweggründe Sexarbeiter*in zu werden können ganz unterschiedlich sein:
- Für manche ist es eine sexuelle Identität.
- Für einige ist es Selbstverwirklichung, oft sind diese Kolleg*innen auch privat sexuell sehr aufgeschlossen und genießen es sich auch bei der Arbeit mit ihrer und der Sexualität ihrer Kunden zu beschäftigen.
- Für viele ist es eine bewusste Wahl zwischen diversen anderen Möglichkeiten. Jeder Berufsweg für den man sich entscheidet hat Vor- und Nachteile. Sexarbeit hat ggü. anderen Jobs diverse Vorteile: Man braucht keine Ausbildung (nicht mal unbedingt umfassende Sprachkenntnisse), man ist selbstständig und kann sich die Zeit selbst einteilen, man hat keine mittel- oder langfristigen Verbindlichkeiten, man kann flexibel und spontan arbeiten (was nicht nur für alleinerziehende Mütter von Vorteil ist), man kann in kurzer Zeit relativ viel Geld verdienen (gemessen an anderen Stundensätzen), man arbeitet mit Menschen zusammen.
- Für viele ist es aus finanzieller Sicht die mit Abstand beste Alternative innerhalb einer sehr begrenzten Auswahl: Einer Frau, die ins Ausland migriert, um dort der Sexarbeit nachzugehen, den Opferstatus zu unterstellen ist nicht nur rassistisch, sondern auch viktimisierend.

 

Ich habe mich für die Sexarbeit entschieden, gerade weil ich diese Tätigkeit als besonders aufrichtig und ehrlich wahrnehme. In einem anderen Beruf müsste ich mich einem Chef unterordnen und Produkte produzieren oder verkaufen, an die ich nicht glaube. Bei der Sexarbeit geht es um echte Bedürfnisse von echten Menschen, denen ich bei der Erfüllung ihrer Wünsche sehr nahe sein kann. Ich kann direkt miterleben, wie ich sie glücklich mache – und das tut meiner Seele sehr gut.

8. Prostituierte gehören, was die Infizierung mit HIV betrifft zu einer Risikogruppe. Erhalten die Frauen, die ihren Lebensunterhalt als Protostuierte verdienen kostenlose HIV Tests bei Ärzten oder
Gesundheitsämtern?

Das ist ein hartnäckiges Klischee; Sexarbeitende haben heute nicht wesentlich höhere Infektionsraten als die Durchschnittsbevölkerung. Im Moment lässt sich stattdessen bei den bürgerlichen Menschen im höheren Alter steigende Infektionsraten beobachten; hier fehlt es offensichtlich an safer-sex-Bewusstsein. Diese Ausbreitung von STIs hat zuletzt unter anderem zu antibiotikaresistenten Bakterienstämmen geführt. Sexarbeitende verhalten sich meist sehr professionell; schließlich können wir nicht arbeiten, wenn wir krank sind.
Nach dem Infektionsschutzgesetz sind die Gesundheitsämter verpflichtet unter anderem Sexarbeitenden kostenlose und anonyme HIV-Tests anzubieten. Dieses Angebot wird dort, wo es wirklich vorhanden ist gerne von uns genutzt. Diese anonymen Tests stehen übrigens allen Menschen offen.

9. Wie wird die Rolle, die die Prostituierte in der Öffentlichkeit spielt seitens unserer Gesellschaft bewertet?
Das ist am einfachsten zu beantworten, indem man seine eigenen Bilder im Kopf zu dem Thema reflektiert. Auch ich, selbst als ich schon in der Branche tätig war, hatte starke Vorurteile gegenüber dem Gewerbe und vor allem einzelnen Bereichen in der Sexarbeit. Und da beißt sich die Katze in den Schwanz: Weil das Bild der Prostituierten so negativ behaftet ist, traut kaum eine sich zu outen oder gar in der Öffentlichkeit aufzutreten. Wir sind quasi unsichtbar. Selbst ich musste feststellen, dass ich in meinem Bekanntenkreis Sexarbeitende habe, die sich nicht vor mir geoutet hatten - erst, als sie über meine politische Arbeit mitbekommen haben, dass ich eine Kollegin bin. Man sieht es uns eben nicht an, wir sind ganz normale Menschen; alle unterschiedlich. Da kein normaler Mensch sich hinstellt und sagt "Ich bin Hure", ist in den Medien und Köpfen eben viel Platz für Klischees und stigmatisierende Bilder: Keine macht das freiwillig. Das sind alles Opfer und Zwangsprostituierte. Wer kein Opfer ist, ist psychisch gestört, wurde wahrscheinlich in der Kindheit missbraucht. Auch unsere Eltern werden in der Gesellschaft stigmatisiert; ich nehme es meiner Mutter nicht übel, dass sie auf die Frage von Bekannten, was ich denn mache, nicht wahrheitsgemäß antwortet.

10. Teilen Sie die Meinung, dass die Anzahl der Vergewaltigungen steigen würde, wenn es keine Prostituierten gäbe?
Dazu gibt es meines Wissens kein valides wissenschaftliches Material. Da ich auch nicht glaube, dass es jemals keine Sexarbeitenden geben wird, hat diese Frage für mich keine Relevanz. Beim Thema Vergewaltigungen möchte ich nur ganz allgemein anmerken, dass oft vergessen wird, dass die meisten Vergewaltigungen im privaten Umfeld stattfinden und auch Männer von sexualisierter Gewalt betroffen sind.

11. Als Kind wollte ich sein wie?
Ich denke, ich komme dem Bild von mir selbst aus meiner Kindheit sehr nahe :-)

12. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann würde ich mir folgendes wünschen.
Mehr glückliche Momente für alle.


Vielen herzlichen Dank für die offene Beantwortung meiner Fragen!