Menschen sind keine Nummern

Bericht über einen Besuch in Dachau

von Diakon Carsten Kempen / Köln

Am 24.06.2019 besuchte ich das ehemalige Konzentrationslager Dachau.

 

Schon bei der Fahrt dorthin verspürte ich einen unangenehmen Druck im Magen. Fragen wie: Mögen sich die Festgenommen, die nach Dachau gebracht wurden genauso gefühlt haben? Hatten Sie Angst? Hatten Sie Hoffnung, dass sich für sie noch alles zum Guten wendet? Aus Sicht der Häftlinge: Was wird mich in Dachau erwarten? Frage an mich: Was erwartet mich? Kann ich das Gelände, wo so viele schreckliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen wurden ertragen, wenn ich erfahre, was sich für Grausamkeiten dort abgespielt haben ?Getreu meinem Motto als Diakon: Kirche muss auch dahingehen, wo es weh tut, ging ich durch das Tor mit der schrecklichen und zynischen Überschrift, dass Arbeit frei macht auf das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau. In Dachau kamen während des zweiten Weltkriegs 41.500 Menschen durch Verbrechen der Nazis zu Tode. Unter den Häftlingen befanden sich Widerstandskämpfer, die das NS Regime bekämpft hatten, Geistliche aus dem Bereich verschiedener Konfessionen, Sinti-Roma und Juden. Die inhaftierten Frauen und Männer starben durch folgende Umstände, die alle auf Verbrechen der Nazis zurückführten: Unterernährung, Verweigerung medizinischer Behandlung, Menschen mussten schwere körperlichen Arbeiten ausführen, bei denen sie auch durch ihre Aufpasser körperlich sowie seelisch misshandelt wurden und vor lauter Erschöpfung nicht mehr konnten, Erschließungen und Vergasungen in der KZ eigenen Gaskammer. Die Toten wurden im Krematorium des Dachauer Konzentrationslagers verbrannt. Auf dem Gelände gibt es viele ehemalige Blöcke, wo die Häftlinge untergebracht waren. Die Behausungen wurden verbrannt und heute erinnern lange Gräben an die damaligen Behausungen. Einer von ihnen ist Block 26, bei dem es sich um den Priesterblock handelt, in dem Priester lebten, während sie in Dachau inhaftiert waren. Es war seitens der Lagerleitung erlaubt, dass die Priester in ihrer Behausung eine Kapelle errichten, in der auch Gottesdienste gefeiert werden durften. Auf Betreiben des ehemaligen Weihbischofs Johannes Neuhäusler, der selbst in Dachau inhaftiert war und lebend am Tag der Befreiung durch die Alliierten das KZ Dachau verlassen konnte, wurde 1960 ein Gotteshaus, dem der Name Todesangst Christi Kapelle gegeben wurde auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers eingeweiht. Tag der Häftlingsbefreiung des KZ Dachau war der 29.04.1945.  Heute noch werden in der Kapelle Gottesdienste gefeiert. Das Kloster Heilig Blut, das zu den Karmeliterinnen gehört, wurde unweit von der Kapelle nachdem die alliierten Truppen das Konzentrationslager befreit haben errichtet. Die russische orthodoxe Kirche und die evangelische Kirche bauten ebenfalls Gotteshäuser nach dem Ende des zweiten Weltkriegs auf dem Gelände. Auch dort finden Gottesdienste statt. Im Gespräch mit einem ehrenamtlichen Mitarbeiter der evangelischen Kirche auf dem Gelände erfuhr ich, dass der Urenkel des ehemaligen Widerstandskämpfers Carl Friedrich Gördeler in Kürze über das politische Wirken seines Urgroßvaters berichten wird. Im Moment sind viele Bücher des hingerichteten Carl Friedrich Gördeler in einem Begegnungsraum der evangelischen Kirche auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers ausgestellt. Der Politiker Gördeler wurde am 02.02.1945 in Berlin hingerichtet, da er an der Planung des Attentates an Adolf Hitler am 20.07.1944 beteiligt war. Sein Urgroßenkel möchte sich bei seinem Besuch dafür stark machen, dass Menschen Namen haben und bei diesem zu nennen sind, anstatt durch die Vergabe einer Nummer wie es in den deutschen Konzentrationslagern der Fall war entpersonifiziert zu werden. Durch mein Gebet zu Gott mit der Bitte um Beistand und Kraft diese Herausforderung, die der Besuch in Dachau für mich darstellte, gelang es mir den Besuch komplett zu absolvieren, wofür ich meinem Schöpfer sehr dankbar bin. Meine Hände habe ich auf die Mauern eines jeden Raumes gelegt, den ich betrat. Von den Mauerwerken ging eine Kälte aus, die ich noch lange nach Verlassen der Räumlichkeiten verspürte. Für mich ist dieses Kälte-empfinden ein Beweis dafür, welche menschliche Eiseskälte in Dachau seitens der Bewacher und der Lagerleitung auf die Inhaftierten ausging. 

Ihr/Euer 

Diakon 

Carsten Kempen 

Einige Fotos aus dem ehemaligen KZ Dachau